Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht von „Alice im Wunderland“ gehört hat. Von dem jungen Mädchen, welches durch seine Träumerei in eine Welt hineintaucht, die so surreal und dennoch so bezaubernd ist. Vom Wunderland, in dem die Herzkönigin regiert, die Teepartys sehr lange dauern und Croquet als Nationalsport gilt. „Alice’s Adventures in Wonderland“ stammt aus der Feder von Lewis Carroll und wurde 1865 erstmals veröffentlicht. Unzählige Male wurde Geschichte um Alice neu aufgelegt und individuell inszeniert. Der Mehrheit blieb wohl Walt Disneys Zeichentrick-Meisterwerk von 1951 in Erinnerung. Rogue Entertainment versoftete im Jahre 2000 genau das, was Carrolls Vorlage nicht Preis gab - Schluss mit den Märchen!
mehrIn American McGee's Alice übernimmt der Spieler die Rolle von Alice, deren Eltern bei einem Feuer ums Leben kamen. Hierfür gibt sie sich die Schuld und zieht sich wieder in ihre Fantasiewelt zurück. Entsprechend dem eigenen Gemütszustand, ist nun auch „Wunderland“ in Düsternis und Tristesse versunken. Die Bevölkerung selbst bildet dabei keine Ausnahme. Beinahe alle bekannten Figuren aus Carrolls Geschichte sind zwar enthalten, jedoch wirken diese nun allesamt wie albtraumhafte Kreaturen. Wenn man den Stil des Spiels beschreiben müsste, würde es wohl in etwa mit „Alice im Gothic-Gewand“ tituliert werden. Zusätzlich würden sicherlich Begriffe wie „abgedreht“, „gruselig“ und „bizarr“ fallen. Unter Verwendung der „Quake 3“-Engine sah das Spiel seinerzeit sehr hübsch aus, aber vor allem die Inszenierung vermag den Spieler auch heute noch zu verblüffen. Bereits die „Burg der Türen“ mit ihren in einen Wirbel auseinander driftenden Räumen, weiß zu überzeugen. Spätere Spielabschnitte führen beispielsweise in das „Tal der Tränen“, wo man sich auf Ameisengröße schrumpft, oder in das „Weiße Königreich“. Besonders erfrischend ist hier die Verwandlung von Alice in Schachfiguren. Bewegen kann man sich dann nur, wie es die Originalregeln des Brettspiels erlauben.
„Giftpilzen habe ich noch nie getraut, aber manche haben wohl ihre Vorteile.“
Solche Ratschläge und Kommentare erhält man immer wieder in den zahlreichen Zwischensequenzen und während des restlichen Spielverlaufs von der Grinsekatze. Diese erweist sich als treuer Begleiter und kann auch auf Knopfdruck gerufen werden, um mit einem nicht ganz eindeutigen Ratschlag zur Seite zu stehen. Unter Umständen können genau diese helfen, das weitere Vorgehen zu definieren oder ein Rätsel zu lösen. Letztere sind über das gesamte Spiel verteilt und lockern das Spielgeschehen gehörig auf, sind jedoch nicht sehr fordernd. So handelt es sich in der Regel nur um klassische Schalterrätsel. Weitaus abwechslungsreicher hingegen ist Alices Waffenarsenal. Dieses umfasst 10 verschiedene Spielzeuge, welche über Primär- und Sekundärfeuermodi verfügen. Zunächst besitzt Alice nur ein großes Messer. Im späteren Spielverlauf gesellen sich dann ein Crocketschläger, Hasenbomben, Teufelswürfel und ein Kartenspiel hinzu. In Hinblick auf Abwechslung steht die Gegnervielfalt den Waffen in nichts nach. Von der Privatarmee der Königin, bestehend aus den Karten, über Ameisen und riesige Pflanzen bis hin zu Robotern und Schachfiguren wird sehr viel geboten. Nach jedem größeren Abschnitt stellen sich bekannte Charaktere wie die Raupe, der Hutmacher, sowie auch die Zwillinge Diedeldum und Diedeldei als Bossgegner in den Weg. Ganz unblutig geht es in den Kämpfen nicht zur Sache. Kartensoldaten werden halbiert oder andere Gegner können recht blutig explodieren.
„Wird das Bemerkenswerte sonderbar, wird die Vernunft bitter.“
Die Soundeffekte der Waffen, Gegner, Umgebung und von Alice gehen voll in Ordnung. Die Musikuntermalung ist auch nicht von schlechten Eltern und fügt sich sehr gut ins Gesamtbild ein. Zu erwähnen ist auch, dass Chris Vrenna [siehe: Wikipedia] an der Musik von American McGee's Alice mitgewirkt hat. Einzig getoppt wird das Ganze nur noch von den erstklassigen Sprechern, die jeden Charakter lebendig und glaubhaft wirken lassen.
„Ein Rätsel: Wann gleicht ein Croquet-Schläger einem Billard-Schläger? Genau, wann immer du willst.“
Alles in allem ist American McGee's Alice ein außergewöhnlicher Titel. Die Grafik war in der damaligen Zeit spitze. Aufmachung und Inszenierung suchen streckenweise heute noch ihresgleichen, da sie aus dem Rahmen fallen und etwas erfrischend anderes bieten. Sound, sowie Gameplay sind eine Wucht und wissen zu gefallen. Alice ist eine runde Sache und selbst für die jenigen, die Carrolls Märchen nicht kennen oder gar nicht mögen, definitiv mehr als nur einen Blick wert.
„Lass dich von deinen Gefühlen leiten. Lass los und vertraue dich dem Kaninchen an.“
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